Das soll alles sein? Ist das alles, was Deutschland zu bieten hat? „Scheiß Stadt!“-“Scheiß Land!“ denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Die pennen doch alle!“ „Kein Wunder, dass Hertha absteigt!“ …so, wie die hier ihren Kaffee saufen und in die Sonne gucken.“ Oder ist Ingo nur durch die falschen Straßen in Kreuzberg gelaufen? Ja, Ingo ist arrogant, er war es immer. Aber immerhin ist Spott auch eine Art sich Dinge anzueignen, Kaffee saufen z.B., macht eigentlich richtig Spaß. „Sei lieb Ingo!“, flüstert er sich immer wieder selbst zu, „Sei endlich lieb!“ „Die Scheiße ist doch tot hier. Wenn du eine tote Katze aus dem 13. Stock wirfst, dann hüpft ihr corpus nach dem Aufprall bestimmt noch mal einen Meter in die Luft („dead cat bounce“). Aber sie ist tot, daran lässt sich nunmal nichts ändern“, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Hey! Neukölln lebt!“, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. Durch Zufall ist er am „Hermannsplatz“ ausgestiegen, Schlüssel holen! Also kein Zufall? „Cottbusser Damm…ey irgendwas is, irgendwas suchst du, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. Irgendwas muss doch zu dir sprechen, der Beton hier reicht irgendwie nicht aus, is halt nicht New York oder L.A. Viel zu viel grün hier, auf die Naturscheiße aus ROPA hast du kein Bock mehr, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. Keine Ruhe sich mal irgendwo hinzusetzten, einfach mal Kaffee trinken oder so, nicht möglich, trotz der Parkscheiße überall, viel Zeit, aber irgendwie doch keine.“ Ingo hasst es, wenn irgendwas nicht geht, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Geht nicht!“ ist der größte Quatsch, den es gibt. Potsdammer Platz, Museum für Filmscheiße: Hey, viele Spiegel, viele Blicke…Filme sind vor allem „Augen“ und „Blicke“, das ist richtig so! Der beste Blick: Der „Awake“ aus Metropolis. Die schlappeste Einstellung: „nscho tschi“, Winnetous Schwester, das geht besser! Denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Haben sie ein Ticket?“ „“Mir ist gesagt worden, dass sie an der falschen Seite reingegangen sind.“ „Was jetzt?, die Videoüberwachungstante lässt mal den Penner mit der Sonnenbrille checken? (brauch die Stärke, kann sonst die Klamotten der Dietrich nicht sehen), denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Wie, muss man hier an einer ganz bestimmte Stelle reingehen?“ „Sind sie die Wendeltreppe runtergekommen?“ Ingo zeigt das Ticket, „verpiss’ Dich!“, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Außerdem geh’ ich rein, wo ich will!“, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. So wie ins „Adlon“, wenn schon „end of pipe“ wie in Kreuzberg, dann aber auch richtig. Scheiße, ich komm ja rein, obwohl ich die Gedrehte gut sichtbar für die Zylindermänner auf die Straße geschmissen hab’. „Sei lieb Ingo“. „Das war zu einfach, ist bestimmt nur die Tourylobby. Ich will durch irgendwelche Gänge hier gehen, Aufzug fahren, außerdem seh’ ich in Nike-Trainingshose, offenen Haaren, Ohrring/ CK-Sobri, und einen hochgekrämpelten Ärmel von ‘nem Ironman T-Shirt aus wie’n fucking Rockstar! Warum eigentlich hochgekrämpelt?, gefährlich sieht das nicht mehr aus.“ Ingo wird melancholisch, sehnt sich nach mehr Kilos, „durchtrainierten 84…oh man, hör auf zu rauchen, und machma wieder was Altaah!“ Denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Leck mich!“ Er geht raus, der Zylindermann wünscht einen „schönen Tag“, „nscho tschi“ heißt „schöner Tag“, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. Ey, keine Ruhe…Fuck! Oper vielleicht, „Entführung aus dem Serail“, was leichtes…“erst am 18. wieder“, „und die Balletscheiße?“ denkt sich Ingo, dachte sich Ingo, fragt aber „Und Ballet?“ „Heute Abend, ja das geht.“ „Wieviel?“ „27-52 Euro.“ „Geh ich lieber Pommes fressen“, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Danke für die Auskunft“, sagt Ingo, sagte Ingo. ….Und die Ruhe kam. Ingo konnte sich wirklich mal an einem Platz hinsetzen, diesen Platz liebt er: Den Alexanderplatz! 2002 hat er sich hier eine Berliner Weiße mit Schuss durch die Nase gezogen, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. Tja, aus dem Paradies der Erinnerungen kann man halt nicht vertrieben werden! Ingos Freund ruft an: „Hier, geh’ da und da hin, ich sag’ Bescheid, dass du kommst!“ „Ich bin grad nicht so „social“ drauf“. „Hab nur Angst, dass du dich langweilst“ (ich kenn einfach gute Leute ey, dachte sich Ingo). „Ich langweile mich nicht“, sagte Ingo. „Dynamit beginnt im Kopf“, denkt sich Johnny, dachte sich Ingo. Er hatte es auf einem scheiß Autoplakat gelesen. Ein Teil des Plakats war verdeckt, so, dass er dachte es heißt „Dynamit“. Als er weiter gegangen war, las er „Dynamik“. Ingo findet seine Version besser. Und nochmal: Hermannsplatz. Da war doch was. Ingo fragt ein süßes altes Ehepaar: „Entschuldigen sie, wissen sie wo das Albert Schweitzer Gymnasium ist?“ „Da drüben.“ „Sind sie schon lange hier?“ „Dreißig Jahre“ „Reicht nicht!“ Wieso „reicht nicht?““ „Meine Mutter ist da mal zur Schule gegangen, mein Opa war da Englischlehrer.“ „Was quatsch ich hier eigentlich für ne Scheiße“, denkt sich Ingo, dachte sich Ingo. „Danke“, sagte er noch im Weggehen, guckte sich die Schule an und das Haus am Cottbusser Damm 72, „Knüller Kiste“ ist da jetzt drin, und Ärzte.
„I took a place from nothing and built it into something“ (The Killing of a chinese Bookie)
LEGO MY EGO
Der Psychologe setzt sich mit dem kleinen Joseph in eine Spielecke. Er bietet dem Kind Legosteine an und fordert ihn auf etwas zu bauen.
Psy: „Bau doch mal was!“
Joseph nimmt einige der Steine und tut so als könne er sie nicht aufeinanderstecken.
Der Psychologe lacht, weil er merkt, dass Joseph keine Lust hat.
Psy: „Was ist?“
Joseph: „Es sind zu wenige. Es reicht nicht.“
Der kleine Joseph schaut den Psychologen angriffslustig an
Psy: Dann probier’ es doch mal mit den paar Wenigen!
Der kleine Joseph denkt kurz nach, dann steckt er einige Steine aufeinander, bis er dem Psychologen mit einem scharfen Blick signalisiert, dass er fertig ist.
Psy: „Siehste! Das kann man immer was mit machen, is’ doch Lego, Joseph.“
Joseph wiederholt monoton, wie ein aktiver Zuhörer das in der Art würde “Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ist das Lego, womit man immer was machen kann.”
Joseph: „Das ist doch Lego.“
Dann macht er ein nachdenkliches Gesicht, eine kleine Pause, in der er an irgendetwas bestimmtes zu denken scheint
Joseph: „Lego my Ego.“
LEGO MY EGO 2 – „Anfassen!“
Ein Sozialarbeiter: Nicht für dich tut es mir leid, sondern für deine Mutter!
Josephs Mutter weint. Der Sozialarbeiter findet Josephs Mutter geil, die ja für ihr Alter auch wirklich noch “fresh“ aussieht.
Sozialarbeiter: Du musst deine Probleme aus dem Weg räumen!
Joseph: Soll ich mich selber aus dem Weg räumen oder was?
Dem Sozialarbeiter verschlägt es die Sprache. Joseph merkt das, nimmt seine Hand, hält sie an seine Wange und schaut ihm eindringlich, klug und fast schon charmant in die Augen.
Joseph: „Es reicht nicht!“
Der Sozialarbeiter weicht Josephs Blick aus, er ist überfordert, wie alle, die mit Joseph jemals zu tun hatten.
LEGO MY EGO 3 – „Wange streicheln, endlich!“
Englischlehrer: „Was ist mit dir los Joseph?“
Der Lehrer streichelt Joseph liebevoll über die Wange, eigentlich weiß er, dass er Joseph nicht helfen kann.
Joseph: „Ich weiß nich.“
Mit den Handflächen vor seinem Gesicht sinkt Joseph immer weiter in sich zusammen. Er freut sich über den Trost, über die Berührung. Er hofft, dass der Lehrer das weiß, weil er den Lehrer mag. Joseph mochte Menschen, die nicht so taten, als können sie ihm helfen.
LEGO MY EGO 4 – „Rising Joseph“
Physiklehrer: „Sag mal Joseph, ich hab da heute in der Zeitung gelesen, dass da einer mit deinem Nachnamen gestorben ist. Das müsste doch dein Vater sein, dachte ich. Ist doch dein Vater, oder?
Joseph nickt etwas verlegen, schaut dann aber fest in die lieben, fürsorglichen Augen des Physiklehrers (Er übernimmt, weil er merkt, dass der Lehrer unsicher ist).
Joseph: „Ja. Das stimmt.“
Physiklehrer: Und da bist du heute in der Schule?
Joseph: Ja.
Wo soll ich denn sonst hin, dachte sich Joseph dabei nur. Dass die Schule eigentlich schon immer einer seiner Lieblingsorte gewesen ist, für ihn immer einen ganz besonderen Zauber hatte, insbesondere morgens, wenn es noch dunkel war, und er immer einer der ersten auf dem noch leeren Schulhof. Genau das schoss ihm durch den Kopf. Die bereits z.T schon beleuchteten, aber leeren Klassenzimmer, der komische Geruch von Putzmitteln, der schon in der Grundschule für ihn so so viel bedeutete. Wie er es einfach genoss, im Klassenraum zu sitzen, wie er ganz besonders die ersten beiden Stunden liebte. Wie er schon um halb sieben aus dem Bett sprang, schlagartig, aus dem Tiefschlaf, getrieben von purer Lust in eine sofortige Wachheit, in Freude darauf, in der Schule zu sein, aufzuzeigen, zu erzählen, sich dabei über den Tisch zu beugen, vorzumachen, oft so, dass man ihn bremsen musste. Er wollte zu allem etwas sagen, hörte aber auch zu, mochte die Stimmen der Lehrerinnen und Lehrer, auch wenn es nur Diktate waren. Er malte gerne, an ein Jägerbild kann er sich noch erinnern, im Herbst wurden im Wald gesammelte Blätter aufgeklebt. Er wollte sooooo viel, sososo viel! „Es reicht nicht!!, dachte sich Joseph wahrscheinlich schon damals. All das dachte Joseph aber nur. Was er sagte, war folgendes.
Joseph: Es ist für mich besser so, wenn ich hier bin. Zuhause wüsste ich nicht, was ich machen sollte.“
Der Physiklehrer machte “mmmmh”. Wieder half ihm Joseph.
Joseph: „Ablenkung, verstehen sie? Und Danke noch mal. Wirklich. Frau Paso hat mir übrigens auch kondoliert. Sie beiden sind die Einzigen, ich finde das sehr aufmerksam und freundlich von ihnen.“
…sagte er, und dachte noch: Diese Wertschätzung ist das Liebste, was du bekommen konntest. Als Schüler bist du mittlerweile ein Arschloch. Dieser Lehrer sieht aber, das er, Joseph, kein schlechter Mensch sei, sondern nur der Ort schlecht ist, von dem er kommt.
Joseph wünscht sich heute, dass ihm alle, die davon wussten, kondoliert hätten. Stattdessen tat er damals nur cool, als würde ihm das alles nichts ausmachen, dabei hätte er es doch so so sehr gebraucht. Scheiße einfach eigentlich, einfach in den Arm genommen werden, Köpfchen streicheln, fertig!
Alles tat Joseph damals weh. Der, der Gestorben war, hatte ihn bereits aus dem Paradies der Grundschulzeit vertrieben. Schule bedeutete für Joseph schon damals nur noch Angst. In dem Moment als er gestorben ist, hätte es mit der Angst vielleicht vorbei sein können. Aber dafür war es schon zu spät, die Angst blieb. Darüber hinaus hatte er schon viel zu viel verpasst.
EXECUTION OF YOUR MIND
DU HAST MICH AUS DEM PARADIES VERTRIEBEN!!! DU HAST AUS MEINEM PARADIES EINE SCHULE DER ANGST GEMACHT!!! JETZT HOL MICH AUCH WIEDER ZURÜCK!!!ICH WEIß, DASS DU DAS KANNST! ICH WEIß ES EINFACH!!!!!TU ES!!!!!! JETZT!!!!!!
DESTINY, THE REST IS MUSIC! (EPILOG)
Wenn du eine Wunde am Mittelfinger hast, dann zeige ihnen im Ausstrecken desselben, was du von ihnen hältst. Dann steck’ dir an den benachbarten Finger einen Ring, damit jeder deine Wunde sieht. Besser ist noch, wenn es ein Ehering ist. Das ist immer noch besser als sich eine Steuererklärung an die Wand pinnen zu müssen, um einen geistigen Hintergrund einer Ehe zu generieren. Mach Flitterwochen in „Fines Terra“, am „Ende der Welt“, da, wo zwar noch Menschen sind, dich aber weder einer kennt, noch findet. Leg dich wie ein Landarzt neben dich selbst, leg dich neben den Kranken, der eine Wunde hat, die nie zugehen wird, und an der er verrecken wird. Tröste dich selbst mit den Worten des Landarztes: „Ich, der ich schon viele Wunden gesehen habe, sage dir, so schlimm ist deine Wunde nicht.“ . Mann kann dir also alles nehmen, du hast noch mehr!
„Sempre Sempre“-singst du
Wolfgang Neuss-brauchst du
Crying in the Chapel (Elvis Presley)-willst du
Ozzy Osbourne-Wer bist du?
Verzweiflung-akzeptierst du
Angst essen Seele auf-kennst du
Loki und H.-bewunderst du
Passion-inszenierst du
Du hörst:
„Wer meine Arbeit kennt, weiß ohnehin, dass ich schon immer very emotional war!“ (Falco)
Du liest:
„Von Tag zu Tag den Widerspruch vollbringen:
Wir haben Angst und müssen trotzdem mutig sein.“ (H.D.Hüsch)
Du wirst zitiert mit:
„Siehste geht doch!“
„Coming Home“-brauchst du
Leben-darfst du
Sterben-musst du
Lieben-tust du
„Jeanny“-drehst du
„Secret Life“-realisierst du
bleiben-wirst du, ganz sicher!
Vertrauen- kannst du
Talent-hattest du
Jahre mit dreizehn Monden-hattest du viele
La solitudine dei numeri primi-bist du nicht (denkst du)
Kämpfen-solltest du
Aufgeben-solltest du
Kriege sind zum führen da-schreibst du.
Du hörst:
„Jetzt!“ (Seit dem machst du immer alle Scheiße zuerst, um dich dann dem Geilen zu witmen)
„Thomas, wenn du einen Arbeitsanfall bekommst, bleib ganz ruhig, geht vorbei“ (klappt nicht immer)
„Jeder Mensch hat ein Krönchen auf dem Kopf,“
Du hoffst…
…bleiben zu können.
Du gehst ins Kino, setzt dich auf einen Platz, du bleibst. Du willst den Film sehen, das Drehbuch ist bereits geschrieben. Wie immer, wenn dich im Kino etwas fasziniert, beugst du dich nach vorne, suchst mit deinen Augen plötzlich die ganze Leinwand ab, immer in der Angst, irgendetwas übersehen zu haben. Du hörst dich dabei immer wieder selbst flüsternd fragen „Was ist das für ein Film? Was ist das für ein Film?“. Du kannst nicht anders, du musst dir das einfach anschauen!
Vielleicht auch ein bißchen doof: Die eingebaute „Nr. 2“
Lars Wolf beugt sich zu Jeanny herunter.
Lars Wolf: “Und wie erklären sie sich, dass sie aus dieser Situation heraus gekommen sind?”
Jeanny muss nicht einen Moment überlegen, aber wann sie anfängt zu sprechen, das entscheidet sie.
Lars Wolf versucht noch einmal etwas aus Jeanny heraus zu bekommen.
Lars Wolf: „Wenn man das erlebt, was sie erlebt haben, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die eine ist, man geht unter, die andere, und offenbar bessere, diejenige, welche dazu geführt hat, dass sie jetzt vor mir sitzen.“
Jeanny hält noch einmal inne, dann spricht sie.
Jeanny: „Haben sie schon einmal etwas von der eingebauten Nr. 2 gehört?“
Lars Wolf: „Sie meinen ein sogenanntes „self-handicaping“? Ja.“
Jeanny: „Richtig, aber bei mir ist es nicht qua Geburt so gewesen. Mein Killerinstinkt funktionierte bis zu meinem achten Lebensjahr hervorragend. Dann habe ich ihn verloren, warum, das weiß ich, aber das ist hier nicht wichtig. Wichtiger ist, dass ich ihn seit etwa drei Jahren wieder habe.“
Lars Wolf: „Erklären sie mir, mit welchen Gedanken sie diesen „lack-of“ überstanden haben? Warum waren sie trotzdem zufrieden? Ich meine, wie haben sie das ästhetisiert?“
Jeanny: „Ich wollte zwei Schwäne sein!“
Lars Wolf: „Süß, aber was hat es damit auf sich?“
Jeanny: „Ich habe mir irgendwann einfach ein Gedicht ausgedacht, und mit dem Gedicht im Kopf habe ich dann einige Jahre gelebt, vielleicht auch überlebt. Eigentlich ist das Gedicht komisch, auch lustig, vielleicht auch ein bißchen doof, aber es hat mich wirklich überleben lassen.”
Lars Wolf: “Wie geht das Gedicht?”
Jeanny:
„Ich will zwei Schwäne sein,
Der eine schwarz, der andere weiß.
Der schwarze sagt zum weißen „nein“
Der weiße geht zum Arzt
Da sagt der Arzt „Sie sind allein!“
Der Schwan ganz schwach:
Das war geheim!“
Jeanny: “Lustig, ne?”
Lars Wolf: Nee, aber irgendwie süß. Sie sind also „zwei Schwäne“?
Jeanny: „Ja.“
Lars Wolf: „Und welcher ist stärker?“
Jeanny: „Der weiße.“
Lars Wolf: “War der schwarze mal stärker?”
Jeanny: „Nee, nur gleich stark.“
„19“
Als Jeanny acht Jahre alt war, und zu den Füßen ihres auf dem Sofa sitzenden Vaters spielte, geschah folgendes. Jeannys Aufmerksamkeit riss plötzlich ab, und sie schaute in die Augen ihres Vaters, den sie nach einer Weile des Musterns fragte, ob er Angst vor dem Tod habe. „Nein.“, antwortete er, fast so, als habe er kaum einen Moment darüber nachdenken müssen.
Als Jeanny neunzehn Jahre alt ist, liegt ihr Vater im Krankenhaus in einem sogenannten „Heilkoma“. Ob er denn ansprechbar sei, fragte Jeanny die Schwester. Man könne es versuchen, sagte sie. Durch ein großes Glasfenster betrachtete Jeanny ihren Vater, der neben dem Incubator noch von vielen anderen high-tech-Geräten umgeben war: Alles leuchtete irgendwie ganz sanft. Irgendwelche Equalizer-Lichter gingen auf und ab, es sah irgendwie beruhigend aus, wie abends auf einer Kirmes. Jeanny sah, wie ein Auge ihres Vaters tränte. Sie fragte noch einmal die Schwester: Was ist mit seinen Augen? Die Schwester antwortete: Das wisse man nicht, vielleicht bewege ihn irgendwas, und er weine vielleicht. „Ihn bewegt also irgendwas“ wiederholte Jeanny langsam und leise. Darf ich reingehen? Fragte sie. Kann ich mit ihm sprechen, ich meine, versteht er mich? Fuhr sie fort. „Versuchen sie es“, gibt die Schwester zur Antwort. Jeanny ging durch eine Tür in der Glaswand, nahm sich einen Hocker, und setzte sich an das Bett. Sie streichelte ihm über die Hand. „Ich bins, Jeanny. Hör zu, ich weiß du kannst nicht sprechen, aber vielleicht kannst du mich hören. Wenn du mich hören kannst, dann „knips“ zweimal mit dem Auge. Jetzt!…knipsen!“ Der Vater knippste. Ob ein-oder zweimal konnte sie in diesem Moment nicht mehr wahrnehmen, ihr Herz raste zu sehr. Was sie für einen „Code“ mit ihm ausgemacht hatte, wusste sie schon gar nicht mehr. Einmal knipsen für „ja“, zweimal für „nein“, oder andersherum? „Scheiße, nochmal. Einmal für „nein“, zweimal für „ja“. „Hast Du das verstanden?“ Fragte sie noch einmal. Er knipste zweimal. „Hör zu! Wiederholte Jeanny: Ich möchte dich jetzt was fragen. Wie du mir antwortest, weißt du ja jetzt. Ich möchte dich fragen, ob du sterben willst?“ Er knipste einmal. War es wirklich nur einmal? Jeanny war sich nicht sicher. Er hat „nein“ geknipst, dachte sie, „er will nicht sterben“. Sie konnte sich just in diesem Moment noch genau an die Antwort erinnern, die er ihr gegeben hatte als sie acht war:„Keine Angst vor dem Tod“. Und jetzt, in dieser Scheiße hier, auch wenn es so beruhigend wie auf einer Kirmes war, will er nicht sterben? Jeanny raffte es einfach nicht. Sie wusste später nicht mehr, was sie noch so gefragt hatte, sie wusste nicht, wie lange sie noch so da saß. Vielleicht hatte sie ja noch weiter seine Hand gestreichelt- hoffentlich, bestimmt eigentlich (das hätte sie sich nicht entgehen lassen!). Als sie das Krankenhaus verließ, und sich in das Auto setzte, ging sie auf dem Lenkrad des weißen Ford Fiestas, so weiß, wie die drei Streifen auf ihrer Adidasjacke, die sie trug, noch einmal zusammen. Es sollte das letzte mal für viele viele Jahre sein.
Erst später sollte sie sich daran erinnern wie alt sie an diesem Tag war, und erst dann wird sie ihre Geschichte aufschreiben, die von nihilistischen Cops, dem forensischen Begriff der „Übertötung“, von einem obsessiven Tod und vielem vielem mehr erzählen wird…
Aus “JEANNY”-Ein Thomas Fiedler Film
Szene 50: “Ich habe die Welt nicht gemacht!”
Das nun folgende Erzählte wird in einer Rückblende inszeniert. An bestimmten Stellen gibt es Gegenschnitte auf die Beamten, den schönen Willi und Lars Wolf.
Lars Wolf [zum Schönen Willi]
“Die Eltern bringen ihn also hin. Der Kleine steigt aus dem Auto. Er hat in seiner Hand ein wunderschön eingepacktes Geschenk. In den letzten Stunden hat er allen Mut zusammengenommen, ja sogar so etwas wie “vielleicht mögen sie mich ja doch” in seinem Köpfchen zurechtgelegt. Er geht also zitternden Schrittes den kurzen Weg über die Straße zum Eingang des Hauses. Auf dem dem rosanen Einladungskärtchen mit Schokolade war sogar noch eine Hausnummer genannt worden, es war die Nummer “19”. Er steht also vor der Tür, hinter der er wohl das erste mal in seinem Leben mit anderen Kindern einen Geburtstag feiern darf. Er zupft noch an seinem Geschenkchen herum, damit es auch schön aussieht, und er da schon mal nichts falsch machen kann. Erwartungsvoll, der Mut ist noch ein bißchen weiter gestiegen, reckt er sich zu der Klingel hinauf. Gerade so berührt die Spitze seines Fingerchens den Klingelknopf, mit einem “Bim-Bam” senken sich seine Fersen - jetzt gibt es kein zurück mehr. Er schaut noch einmal zu seinen Eltern, die ihm ermunternt aus dem Auto zuwinken. Es dauert ein Weilchen, bis sich die Tür öffnet.


